Sehen und Begreiflich machen

VON MIR AUS

Ich habe einmal Schriftsetzer gelernt. Das war zu einer Zeit, als Gestaltung noch viel mit Material, Handwerk und genauem Hinsehen zu tun hatte. Buchstaben hatten Gewicht, Zwischenräume Bedeutung, und ein guter Satz war mehr als die Summe seiner Zeichen. Später studierte ich an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Aus dem Schriftsetzer wurde ein Grafikdesigner. Seit rund drei Jahrzehnten arbeite ich mit Schrift, Bildern und Gestaltung, entwickle Konzepte für gedruckte und digitale Medien und bin mit gereby design selbstständig. Die Werkzeuge haben sich in dieser Zeit mehrfach verändert, das Interesse an der Sache ist geblieben.

Mit der Zeit ist zur gestalterischen Arbeit die Fotografie gekommen, und aus dem Fotografieren unterwegs wurde zunehmend auch das Schreiben. Das hat sich nicht nach einem großen Plan entwickelt. Ich war neugierig, bin gereist, habe Menschen getroffen und irgendwann gemerkt, dass manche Begegnungen mehr als ein Foto verdienen.

DIE WELT MIT EIGENEN AUGEN SEHEN

Ich bin gern unterwegs, auch dort, wo andere nicht unbedingt Urlaub machen. Mich interessieren Orte, an denen sich Gesellschaften verändern und Menschen mit Verhältnissen leben, über die wir zu Hause häufig nur aus zweiter Hand erfahren. In den vergangenen Jahren war ich unter anderem in Russland, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, im Irak, in Kasachstan, Usbekistan und Kirgistan, in Ghana und Burkina Faso, auf Kuba und in Grönland. Diese Aufzählung sagt für sich genommen noch nicht viel. Wichtiger sind mir die Begegnungen, die Gespräche und das, was sich unterwegs beobachten lässt.

Ich gehe über Märkte, sitze in Cafés, fahre mit öffentlichen Verkehrsmitteln, besuche politische Veranstaltungen, fotografiere und frage nach. Nicht jede Reise wird eine Reportage. Manches bleibt eine Erinnerung oder ein einzelnes Bild. Aber immer wieder stelle ich fest, wie groß die Entfernung zwischen den Vorstellungen über ein Land und dem sein kann, was man vor Ort selbst erlebt. Das macht die eigene Wahrnehmung nicht unfehlbar. Es ist für mich aber ein guter Grund, sich nicht allein auf fremde Beschreibungen zu verlassen.

ZUHÖREN, HINSEHEN, NACHFRAGEN

Aus der Reisefotografie ist zunehmend journalistische Arbeit geworden. Ich berichte von Orten und Begegnungen, dokumentiere gesellschaftliche Entwicklungen und führe Gespräche mit Menschen, deren Sichtweisen im öffentlichen Diskurs nicht immer vorkommen. Für Alexander-Wallasch.de und weitere Medien entstanden Reportagen und Fotostrecken, unter anderem aus Moskau, Tiflis, dem Südkaukasus und dem Nordirak. Mich interessiert dabei nicht nur, was geschieht, sondern auch, wie die Menschen vor Ort ihre Lage beschreiben und welche Erfahrungen hinter ihren Ansichten stehen.

Gerade dort, wo politische Gegensätze das Gespräch erschweren, halte ich das Zuhören für notwendig. Ein Gespräch ist keine Zustimmung, ein Interview keine Übernahme fremder Positionen. Ich möchte verstehen, bevor ich urteile, und meine Beobachtungen so wiedergeben, dass sich Leser ein eigenes Bild machen können. Natürlich gelingt das nicht immer vollständig. Auch ich reise mit Vorstellungen und Vorurteilen im Gepäck. Entscheidend ist, ob man bereit ist, sie unterwegs überprüfen zu lassen.

GESTALTUNG IST MEHR ALS OBERFLÄCHE

Zwischen meiner Arbeit als Gestalter und der als Fotograf oder Reporter sehe ich keinen grundsätzlichen Bruch. In allen drei Bereichen geht es darum, genau hinzusehen, Zusammenhänge zu erkennen und etwas so zu zeigen, dass es verständlich wird. Eine Gestaltung kann einem Text Raum geben oder ihn erschlagen. Ein Foto kann etwas sichtbar machen, das in einer langen Beschreibung untergehen würde. Und ein Gespräch im Zug erzählt gelegentlich mehr über den Alltag eines Landes als eine offizielle Verlautbarung.

Mich interessieren nicht nur die großen Ereignisse. Oft sind es die beiläufigen Augenblicke, die mir in Erinnerung bleiben: das Licht auf einer Hauswand, eine Unterhaltung auf einem Markt, die Gesichter der Menschen nach einer Veranstaltung oder einfach das, was zwischen zwei Terminen passiert. Solche Beobachtungen sind kein Ersatz für Recherche. Aber sie gehören für mich dazu, wenn ich verstehen und erzählen möchte, wie es irgendwo zugeht.

UNTERWEGS UND VERBUNDEN

Meine Wurzeln liegen im Norden Deutschlands, Berlin ist seit vielen Jahren ein wichtiger Bezugspunkt meiner Arbeit. Zugleich bin ich oft unterwegs, mitunter über Wochen und Monate. Ich arbeite als freier Gestalter, Fotograf und Bürgerjournalist. Diese Freiheit ist nicht immer bequem, aber sie ermöglicht es mir, eigene Themen zu verfolgen, Fragen zu stellen und Menschen zu begegnen, ohne vorher wissen zu müssen, welche Antwort am Ende stehen soll.

Auf dieser Website sammle ich Fotografien, Reportagen, gestalterische Arbeiten und Texte. Einiges ist bereits veröffentlicht, anderes entsteht noch oder wird überarbeitet. Ich möchte hier nicht nur fertige Ergebnisse zeigen, sondern auch Zusammenhänge und Erfahrungen festhalten. Wer sich dafür interessiert, kann mitlesen, widersprechen oder Kontakt aufnehmen.

Christian Witt