In guter Gesellschaft

GESELLSCHAFT

Ich interessiere mich dafür, wie wir miteinander leben und wie wir miteinander umgehen, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind. Das klingt zunächst selbstverständlich. In den vergangenen Jahren habe ich allerdings oft erlebt, wie schnell aus einer abweichenden Ansicht ein Verdacht wird und aus einer politischen Auseinandersetzung eine Frage der Zugehörigkeit. Wer mit wem spricht, auf welcher Veranstaltung jemand erscheint oder welches Medium einen Text veröffentlicht, scheint bisweilen wichtiger zu sein als das, was tatsächlich gesagt wurde. Mich beschäftigt das, weil ich eine offene Gesellschaft anders verstehe.

Mein Interesse an Politik ist nicht auf Parlamente und Parteien beschränkt. Es beginnt dort, wo Menschen zusammenkommen, sich streiten, etwas organisieren oder gegen Entscheidungen protestieren. Ich gehe auf Demonstrationen, besuche Vorträge und Diskussionsveranstaltungen, spreche mit Teilnehmern und Organisatoren und halte mit der Kamera fest, was ich beobachte. Dabei muss ich die Forderungen einer Veranstaltung nicht vollständig teilen, um sie für berichtenswert zu halten.

FRIEDEN IST KEINE NEBENSACHE

Die Frage von Krieg und Frieden beschäftigt mich besonders. Ich habe Friedensdemonstrationen in Berlin und anderen Städten besucht, Gespräche mit Menschen geführt, die vor einer weiteren militärischen Eskalation warnen, und bin in Länder gereist, über die in Deutschland vor allem im Zusammenhang mit Konflikten gesprochen wird. Mich interessiert, was dort tatsächlich geschieht, wie die Menschen ihren Alltag erleben und was von unseren Vorstellungen übrig bleibt, wenn man selbst vor Ort ist.

Ich halte es für notwendig, über Waffen, Abschreckung und Sicherheitsinteressen zu sprechen. Genauso notwendig sind für mich Diplomatie, Verhandlungen und die Frage, wie ein Krieg überhaupt wieder beendet werden kann. Wer Verhandlungen fordert, billigt damit nicht automatisch das Handeln einer Kriegspartei. Und wer über die Vorgeschichte eines Konflikts spricht, entschuldigt damit nicht die Gewalt. Diese Unterscheidungen gehen in zugespitzten Debatten häufig verloren. Ich möchte sie nicht aufgeben.

WIDERSPRUCH AUSHALTEN

Seit den Jahren der Corona-Maßnahmen beschäftigt mich der Umgang mit Menschen, die staatliche Entscheidungen oder gesellschaftliche Mehrheitspositionen infrage stellen. Ich habe erlebt, wie Freundschaften belastet wurden, wie sich Lager bildeten und wie schwer es mitunter wurde, überhaupt noch miteinander zu reden. Natürlich muss Kritik überprüfbar sein, und nicht jede Behauptung wird dadurch richtig, dass sie gegen den Strom gerichtet ist. Aber auch die Mehrheitsmeinung entbindet niemanden davon, Fragen zu beantworten und Widerspruch auszuhalten.

Das gilt für alle politischen Richtungen. Ich möchte nicht, dass Autoritarismus nur dort gesucht wird, wo er zum eigenen Feindbild passt. Mich interessieren die Maßstäbe, die wir anlegen: bei Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit, beim Umgang mit Opposition, bei journalistischer Sorgfalt und bei der Frage, wer in einer Debatte noch zu Wort kommen darf. Wenn die Maßstäbe je nach politischer Nähe wechseln, wird aus einer notwendigen Auseinandersetzung schnell ein Lagerkampf.

MEDIEN, BILDER UND DIE EIGENE WAHRNEHMUNG

Als Fotograf und zunehmend auch als Reporter beschäftige ich mich damit, wie öffentliche Bilder entstehen. Eine Kamera zeigt immer nur einen Ausschnitt, ein Text setzt Schwerpunkte, eine Überschrift kann den Blick auf das Folgende bereits festlegen. Das gilt auch für meine eigene Arbeit. Gerade deshalb halte ich es für wichtig, Beobachtung, Einordnung und Meinung nicht miteinander zu verwechseln. Ich möchte möglichst genau beschreiben, was ich gesehen und gehört habe, und kenntlich machen, wo meine eigene Deutung beginnt.

Ich lese Medien mit unterschiedlichen politischen Perspektiven und veröffentliche auch dort, wo Positionen vertreten werden, die ich nicht in allen Punkten teile. Für mich ist das kein Widerspruch. Eine lebendige Öffentlichkeit braucht unterschiedliche Stimmen, aber ebenso die Bereitschaft, Behauptungen zu prüfen, Fehler zu korrigieren und Kritik zuzulassen. Nicht jede zugespitzte Schlagzeile hält einer genaueren Betrachtung stand. Und manchmal lohnt es sich, dorthin zu fahren, worüber alle schon eine fertige Meinung haben.

MITMACHEN STATT NUR ZUSCHAUEN

Gesellschaft ist für mich nicht allein ein Gegenstand der Berichterstattung. Ich engagiere mich auch selbst, besonders dort, wo Menschen Kultur, Austausch und gemeinsames Handeln ermöglichen. Dazu gehören Ideen für Veranstaltungen im ländlichen Raum, Gesprächsformate und Projekte, bei denen Menschen zusammenkommen, die sich sonst kaum begegnen würden. Eine Kulturjurte, ein Filmabend oder eine offene Diskussion lösen keine weltpolitischen Konflikte. Sie schaffen aber Räume, in denen man sich überhaupt wieder begegnen kann.

Ich weiß, dass ich mit meinen Ansichten nicht überall auf Zustimmung stoße. Das muss auch nicht sein. Mir ist wichtiger, dass man Fragen stellen, widersprechen und dennoch im Gespräch bleiben kann. Demokratie erschöpft sich für mich nicht im Wahlzettel. Sie lebt davon, dass Menschen sich einmischen, Verantwortung übernehmen und andere nicht schon deshalb abschreiben, weil sie zu anderen Schlüssen kommen. Genau darum geht es mir auf diesen Seiten: nicht um ein fertiges Weltbild, sondern um Beobachtungen, Erfahrungen und die Auseinandersetzung darüber.

GESELLSCHAFT IN BILDERN

Beobachtungen und Begegnungen.

Reichstag und Polizeikette – Foto: Christian Witt
Demonstration in Tiflis – Foto: Christian Witt
Polizei an der Karl-Marx-Allee – Foto: Christian Witt
Straßenszene in Burkina Faso – Foto: Christian Witt
Gruppenaufnahme in Burkina Faso – Foto: Christian Witt
Frau mit Koffer auf einer Treppe – Foto: Christian Witt